Wo auch immer Ihr seid

„Ich muss diese Geschichte mit einem Geständnis beginnen: Ich kann meinen eigenen Namen nicht aussprechen.“ Mit diesen Worten beginnt Khuê Pha͙m ihren Roman „Wo auch immer ihr seid“. Es ist eine beeindruckende Geschichte einer Tochter vietnamesischer Eltern, die in Berlin geboren und aufgewachsen ist. Und es ist eine tiefgründige Geschichte über die eigene Identität, die Herkunft, über die dramatischen Folgen eines Krieges, der die eigene Verwandtschaft zerrissen und über die halbe Welt verstreut hat.

Khuê Pha͙m hat mit 16 Jahren den Entschluss gefasst, ihren Vornamen in Kim zu ändern. Wie eine einschneidende Metapher scheint das Dilemma um ihren ursprünglichen Vornamen „Khuê“ das bisherige Leben der Protagonistin in seiner Widersprüchlichkeit, seiner Unverständlichkeit, aber auch seiner Sehnsucht und seinen Träumen auf den Punkt zu bringen. Und es ist ein Roman, der auf beeindruckende Art und Weise dem / der Leser*in vor Augen führt, dass das Ringen um Zugehörigkeit, Anerkennung und Akzeptanz zu den tiefsten Sehnsüchten eines Menschen gehört und in der Lage ist, das Leben eines Menschen völlig auf den Kopf zu stellen.

 

Wenn ich diese Aussagen zur Interkulturalität lese, dann macht es mich stutzig und irgendwie auch sprachlos. Wenn von einer weltweit zunehmenden Interkulturalität die Rede ist, dann hört es sich für mich so an, als ob Interkulturalität als ein neuartiges Phänomen angesehen wird, mit dem die Studierenden bzw. die Hochschule selber nichts zu tun haben. Ein Phänomen, das man gleichwohl wahrgenommen hat und wie ein Beobachter aus der Ferne betrachtet. Oder meint der / die Verfasser*in vielleicht Multikulturalität als Phänomen einer globalisierten Welt? Es ist zudem verblüffend, dass die Frage der Interkulturalität einzig und allein unter dem Gesichtspunkt der eigenen Religion und der Verkündigung der Kirche gesehen wird, will man dieser doch zeitgemäß nachkommen.

 

Wie ein roter Faden durchzieht den Roman die Frage „Wo kommst Du her?“ Eine Frage, mit der Kim ständig konfrontiert ist, weil sie eben nicht – obwohl Deutsche – dem vermeintlichen Erscheinungsbild einer Deutschen entspricht. Ihr Freund hatte sie bei ihrer ersten Begegnung beeindruckt, weil er ihr in sechs Stunden keine einzige Frage zu ihrer Herkunft gestellt hatte. Wie sehr hatte sie sich gewünscht, „in einer Familie aufzuwachsen, die nicht erst deutsch werden musste, sondern es einfach war.“ Und sie musste bei ihrem letzten Vietnambesuch erleben, dass sie für eine Ausländerin gehalten wurde, weil sie die Sprache nicht beherrscht.

 

Der Roman „Wo auch immer ihr seid“ begnügt sich jedoch nicht mit den alltäglichen Konflikten, die die Protagonistin in Deutschland erleben muss. Vielmehr entführt er die Leser auf eine spannende, erschütternde und mit vielen Überraschungen gespickte Entdeckungsreise der eigenen Familiengeschichte. Dies aber bedeutet zugleich, sich mit der Brutalität und Gewalt eines Krieges auseinanderzusetzen, der unsagbares Leid verursacht hat. Und die Protagonistin muss feststellen, dass vermeintliche bisherige Überzeugungen und Glaubenssätze ins Wanken geraten, dass es in einem Krieg nicht „die Guten“ und „die Bösen“ gibt und dass das verursachte Leid viel komplexer und erschütternder ist, als bisher gedacht. Ein Leid, das die Mitglieder der eigenen Verwandtschaft auf je eigene Art und Weise erleben und durchleiden mussten. Und das dafür sorgte, dass die Familie zerriss, dass Brüder nicht mehr miteinander sprachen, dass jeder auf seine Weise versucht hatte, sich ein neues Leben aufzubauen, weit entfernt von der ursprünglichen Heimat.

 

Ausgelöst durch eine kurze Facebook-Nachricht ihres Onkels über den Tod ihrer Großmutter, begibt sie sich mit ihren Eltern in die USA. Ihr Vater, ein erfolgreicher Herzchirurg in Berlin, hatte über 15 Jahre kein Wort mit seinem Bruder gewechselt. Und es ist diese ungewollte Zusammenkunft der Großfamilie, die alle Beteiligten erkennen lässt, dass sie von dem Leben, dem Leid des Anderen in Folge der Kriegswirren, eigentlich nur sehr wenig oder gar nichts wussten. Und so verändert sich auch das Leben der Protagonistin. Kim, die immer mit der Frage „Wo kommst Du her?“ zu kämpfen hatte, erkennt zum ersten Mal, dass diese Frage auch anders zu verstehen ist: „Sondern als Suche nach all denen, die vor mir kamen und ihre Spuren auf sichtbare und unsichtbare Weise auf dem Weg in die Gegenwart hinterlassen haben. Meine Eltern, meine Verwandten. Die Art, wie sie mit dem Leben umgehen oder nicht umgehen. Auch wenn mir von meiner Großmutter kein einziger Satz in Erinnerung geblieben ist, so sagt doch auch diese Tatsache viel aus. Über sie und über all die verschwommenen Menschen, die Teil von mir sind.“ 

 

Khuê Pha͙m ist mit ihrem Debütroman ein faszinierendes Werk gelungen, das zugleich beeindruckt, verstört, fesselt und zutiefst bewegt. Und ja, dieser Roman lädt jede/n Leser*in dazu ein, sich selbst die Frage zu stellen: „Wo kommst Du her?“

Sprachlos

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