Moscheeleben in Deutschland

Schätzungsweise 2.500 Moscheen gibt es in Deutschland. Eine große Anzahl wird von islamischen Verbänden getragen (allein DITIB, – Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion e. V. – der größte Verband in Deutschland, unterhält etwa 1.000 Moscheen). Außenstehende verbinden mit einer Moschee sehr häufig ein Gefühl des Unbehagens oder gar des Misstrauens, da sie keinen Einblick haben in dem, was in einer Moschee geschieht. Und nicht selten werden Moscheen als Hort der Unterdrückung der Frau oder Hort der Radikalisierung gesehen. Als vor ein paar Jahren der Fernsehjournalist Constantin Schreiber mit seinem Buch „Inside Islam“ an die Öffentlichkeit ging, wurde dieser Eindruck letztlich nur verstärkt. Schreiber, der in etwa 20 Moscheen die Freitagspredigten besucht hatte, zeigte sich schockiert von dem, was er dort zu hören bekam. Und doch widersetzt sich diese Publikation einer sachlichen Auseinandersetzung, da sie schlichtweg von Grundannahmen ausgeht, die zu hinterfragen sind.

Nein, der Imam ist nicht die wichtigste Autorität in einer Moschee! Und auch das Freitagsgebet ist nicht der wichtigste Ort der Glaubensverkündigung und -weitergabe!

 

Mit diesen und weiteren Klischees räumt die Islamwissenschaftlerin Ayse Almila Akca in ihrer Publikation „Moscheeleben in Deutschland – Eine Ethnographie zu Islamischem Wissen, Tradition und religiöser Autorität“ auf. Ihr Buch ist das Ergebnis einer jahrelangen empirischen Feldforschung in unterschiedlichen Moscheen. Es bietet eine Innenansicht dessen, was das Moscheeleben ausmacht. Und es ist eine Publikation mit vielfältigen, differenzierten und für so manchen Außenstehenden wohl auch erstaunlichen Ergebnissen, die – fern der medialen Öffentlichkeit – das Moscheeleben prägen.

 

Um die dynamischen Prozesse innerhalb einer Moschee verstehen zu können, ist es wichtig zu begreifen, dass Moscheen Orte einer sehr hohen Selbstorganisation sind. Zahllose Akteure, die das Moscheeleben prägen, engagieren sich ehrenamtlich (Ausnahme: in vielen DITIB-Moscheen finden sich vom türkischen Staat finanzierte Imame oder Religionsbeauftragte). Seien es die gewählten Vorstände einer Moscheegemeinde, Leiter*innen von Koranschulen für Kinder und Erwachsene, Leiterinnen von Frauengruppen, Leiter*innen von Jugendgruppen, von Dialoggruppen etc.; sie alle engagieren sich ehrenamtlich, neben ihrem Beruf, ihrer Familie. Dies hat Konsequenzen für das Moscheeleben. Sei es die Vorbereitung von Festen und Feiern, die Durchführung von Gruppentreffen, von Unterrichtsstunden für Kinder oder Erwachsene, von Dialogtreffen mit Nicht-Muslimen, die Gestaltung des „Tag der offenen Moschee“ – all dies hängt vom Engagement und den Ressourcen der Beteiligten ab, was nicht selten dazu führt, dass eine Moschee all die anstehenden Aufgaben nur noch schwerlich erfüllen kann.

 

Ayse Almila Akca unterscheidet die zahllosen Akteur*innen innerhalb einer Moschee als Expert*innen (theologisch geschulte Akteure) und Nicht-Expert*innen. Zielsetzung ihrer empirischen Forschung war es, die Frage nach der religiösen Autorität, nach islamischem Wissen und der Rolle der Tradition innerhalb des Moscheelebens zu beleuchten und herauszuarbeiten. Und es wird deutlich, dass es sich um vielfältige Aushandlungsprozesse handelt, die immer wieder aufs Neue der Frage nachgehen, was in einer konkreten Fragestellung, einer konkreten Situation als islamisch anzusehen ist. Das Ringen um religiöse Autorität spielt dabei eine gewichtige Rolle. Diese Autorität fällt nicht automatisch dem Imam zu (ganz zu schweigen davon, dass ein Imam nicht unbedingt alle Gruppierungen innerhalb einer Moscheegemeinde kennt, geschweige denn an den Gruppentreffen teilnimmt). Vielmehr sind es engagierte Akteur*innen, die sich mit Gleichgesinnten auf den Weg machen, Fragen mit Hilfe der Tradition, den Überlieferungen und des Korans zu reflektieren. Es ist ein gemeinsames Ringen, Antworten aus dem Glauben zu finden.

 

Und Frauen nutzen die Moschee und die Zusammenkünfte, um Wissen zu erwerben, um religiöse Kompetenz zu erwerben. Die Autorin nimmt uns mit zu zahllosen Begegnungen, Interviews und Gesprächen, die sie im Verlauf ihrer Forschung geführt hat. Und diese Begegnungen veranschaulichen, wie sich Frauen in Moscheen step by step ihre Räume erobern, wo sie unter sich diesen für sie wichtigen Fragen nachgehen, wo sie überlieferte Vorstellungen hinterfragen und beginnen, Überlieferungen des Propheten neu zu interpretieren. Für die Autorin ist deutlich geworden, dass entgegen dem medial vermittelten Bild eine heutige Moschee zu einem gegenderten Ort geworden ist. Und dass entgegen der langläufigen Meinung der Öffentlichkeit längst Reformprozesse stattfinden, die bisher unbeachtet geblieben sind.

 

Das Werk von Ayse Almila Akca ist eine spannende Forschungsarbeit, die tiefe Einblicke in die dynamischen Prozesse des Moscheelebens in Deutschland gibt. Es ist zugleich ein wichtiger Beitrag, den gesellschaftlichen Diskurs über das islamische Leben in Deutschland zu versachlichen. Jeder und jedem, die / der mit dem islamischen Feld in Deutschland in Kontakt steht, sei es beruflich (z. B. Mitarbeiter*innen öffentlicher Einrichtungen und Behörden, Personalverantwortliche in Unternehmen, Erzieher*innen in Kitas, Lehrer*innen etc.) oder ehrenamtlich (Engagierte im christlich-islamischen Dialog, Helferkreise für Geflüchtete etc.), mag dieses Buch eine wertvolle Hilfestellung bieten, das islamische Leben in Deutschland und damit verbunden die dynamischen Prozesse innerhalb von Moscheen besser zu verstehen.

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